Ich ging nun zum Kollegen Stich, der als erster Kriegsgerichtsrat des Gouvernements einberufen war. Er hat sich bemüht, mich auch dorthin kommandieren zu lassen, aber vergeblich.
Bei ihm wohnte ich einige Tage. Zwar waren seine meisten Möbel schon abtransportiert nach Guben, wohin er kurz zuvor versetzt war, die Familie war auch schon fort. Natürlich ging es abends zum 6/8 Klub, wo ich wieder meinen alten Platz neben General Griepenkerl bekam und all die alten Bekannten traf. Nun pilgerte ich jeden Tag zur Kommandantur und erfuhr dort, nach einigen Tagen, daß ich als k.v. als Offizierstellvertreter zum Reserve Infanterie-Regiment 21 bestimmt sei. Das war schon ausgerückt. Das Ersatzbattalion lag in den Kasernen des Infanterie-Regiments 21 auf der anderen Seite der Weichsel. Es ging alles drunter und drüber. Einige ältere Reserve-Offiziere waren da, der Kommandeur ein Hauptmann Lucas kam allmählich auch.
Der Kerl war verrückt. Er hatte eine Engländerin zur Frau und mit ihr kutschierte er auf dem Kasernenhof im Dogcart herum. Die Reserve-Offiziere waren für ihn nichts, die Offizierstellvertreter ließ er nicht mit ins Kasino, das bald geschlossen wurde. Diese aber mußten alles machen. Wenn neue Reserven einzukleiden waren – auf den Kammern wartete man früher Uniformen – oder als eine Radfahrkompanie mit grauen Litewken einzukleiden war, oder sonst etwas zu empfangen war, das mußten die Offizierstellvertreter machen. Er hatte nur die große Klappe. Soweit es meine Zeit erlaubte, ging ich zum 6/8 Klub. Als ich da den Namen meines Batl.Kommandeurs nannte, erklärte mir der aktive Kriegsgerichtsrat Tchorn – ich habe nachher um 1922 beim Reichsversorgungsgericht (mit ihm) viel zusammen gearbeitet – folgendes: „Der Kerl ist ja verrückt, der ist vor dem Kriege wegen Mißhandlung Untergebener in Strasburg/Westpreußen entlassen worden.“ Und dann mußte ich jedesmal über den verrückten Kerl berichten. Scheinbar hat General Griepenkerl den Kerl auf die Finger gepaßt, denn der Kerl, der nachher Major wurde, fürchtete mich und haßte mich, er wußte, daß ich altes Mitglied des 6/8 Klubs war.
Den schönsten Spaß erlebte ich mit dem Fant einige Wochen später. Thorn war wegen des Vordringens der Russen in Polen und Ostpreußen in den Zustand der Bedrohung erklärt. Ich lag auf dem Fort „Jungsingen“, das die Telephon Centrale für die Südfront von Thorn war, und war stellvertretender Kommandant. Dorthin hatte sich auch der Major Lucas einquartiert und zwar, da keine Fort.... für ihn frei war oder es ihm besser paßte, auf dem Wall ein Zelt aufschlagen lassen. Er hatte sogar sein Reitpferd mitgebracht ins Fort.
Nach einigen Tagen kam eines Nachmittags mit dem Gouvernementsauto der Kollege Stich in Oberkriegsgerichtsratsuniform. Der Posten meldete, daß ein hoher Herr vom Gouvernement im Auto vor dem Forttor hielte. Ich gab die Einfahrt frei, und nun wollte sich Lucas wichtig tun, als Stich kam, meldete er sich bei ihm. Stich war nämlich als rücksichtsloser Zugreifer in Thorn gefürchtet. Aber Stich ließ den Major stehen, eröffnete ihm nur, daß er mich besuchen wollte, um mit mir über einige Sachen zu sprechen, zumal ich wahrscheinlich ans Kriegsgericht kommen würde. Der Major zog ab und Stich und ich tranken auf dem Wall einige Flaschen Rotwein, die Stich mitgebracht hatte.
Am anderen Tag kam der Gouvernementsbefehl, daß der Major Lucas, der unzulässigerweise sein Quartier und mit Pferd im Fort Jungsingen bezogen habe, dies zu verlassen habe. Da im Fort Jungsingen eine kriegsstarke Kompagnie lag und der Kompanie-Führer, ein bei Gumbinnen wegen weggelaufener Rekruten nach Haus geschickter Oberleutnant, seines Zeichens ein Oberlehrer, keine Ahnung vom Kompanie-Exerzieren hatte, konnte ich die Kompanie von dem Fort Exerzieren, was mir später sehr geholfen hat. Ich lernte so wieder das Exerzierreglement, die Leute waren mit mir eins und so konnte ich was lernen, wie es besser nicht zu wünschen war.
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